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„Wokeness“ ist für die einen Ausdruck von Gerechtigkeit, für die anderen ein ideologisches Feindbild. Doch was bedeutet dieser Begriff im Licht freimaurerischer Werte? Der Beitrag fragt, ob Wokeness eine Bedrohung des Universalismus ist – oder dessen konsequente Fortsetzung. Eine Einladung, jenseits von Reflexen zu denken und den eigenen Maßstab von Freiheit, Gleichheit und Humanität zu prüfen.
Das „Zigeuner-Schnitzel“ verschwindet aus Speisekarten, Süßigkeiten und Backmischungen werden umbenannt, traditionelle Firmenlogos, die mit kolonialen Bildern arbeiten, werden verändert. In Kinderbüchern werden einzelne Wörter angepasst, etwa in Ausgaben von Pippi Langstrumpf. Dazu kommen Diskussionen um das „Gendern“ in Behördenpost, in der Kirche oder in der Zeitung, oder Streit um das Hissen der Regenbogenfahne am Rathaus. Viele erleben: Dinge, die jahrzehntelang „normal“ waren, werden plötzlich infrage gestellt.
Unter dem Schlagwort „Wokeness“ wird all dies zusammengefasst: die Sensibilität für rassistische, sexistische oder diskriminierende Sprache, die Forderung nach Respekt für queere Lebensweisen, der Protest gegen Benachteiligung bestimmter Gruppen. Für die einen ist das ein wichtiger Fortschritt zu mehr Gerechtigkeit, für andere fühlt es sich an wie eine moralisierende Überkorrektur, die Traditionen entwertet und gewohnte Sicherheiten angreift. Was als Wachheit für Ungerechtigkeit begann, erscheint manchen als geschlossenes Glaubenssystem mit Dogmen und verbissener Moral. Dies irritiert uns Freimaurer, die für freie Gewissensbildung und offene Suche eintreten. Diese Irritation ist menschlich und verständlich.
Wie können wir als Freimaurer diesen Zeitgeist verstehen, ohne vorschnell Partei zu ergreifen? Und wie verhalten sich „Wokeness“ und „Anti-Wokeness“ zu unseren eigenen Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität?
In gewissen Medien wird „Wokeness“ heute pauschal problematisiert und dabei unterschiedlichste Phänomene vermischt und übertrieben dargestellt: Queere Aktivistinnen auf Pro-Palästina-Demos werden zur „Allianz mit dem Islamismus“ dramatisiert, das Hissen einer Regenbogenfahne als „Hass auf Deutschland“ stilisiert, und Nonbinäre sowie Trans-Personen werden von AfD-Politikerinnen als „geistesgestört“ diffamiert. Klimaaktivisten gelten als „wohlstandsverwahrloste Leistungsverweigerer“. Aus dem Wunsch nach respektvoller Ansprache wird die „Sprachpolizei“. Dieses verzerrte Bild dient als politischer Kampfbegriff, um Ängste zu bündeln und Lager zu bilden.
Doch genau hier werden unsere Grundwerte von Differenzierung und kritischem Denken unterlaufen. Statt pauschal zu urteilen, sollten wir uns fragen: Handeln wir differenziert – oder bedienen wir nur ein bequemes Feindbild? Bruder Axel Schönhals schreibt: „Freimaurerei wirkt immer verbindend, integrierend, sie kennt keine Gegner.“
Wer Wokeness ablehnt, ist nicht automatisch rückständig oder rechts, sondern ringt mit schnellen gesellschaftlichen Veränderungen. Die freimaurerische Frage ist, ob diese Abwehr zu Klärung oder zu Verhärtung führt.
Eng verbunden mit Wokeness ist das Phänomen Identitätspolitik und die damit verbundene Sensibilisierung dafür, dass bestimmte Identitätsmerkmale mit systematischen Vor- oder Nachteilen verbunden sind. Für manche ist sie auch eine postreligiöse oder postethnische Form der Identitätssuche, in der Menschen neue Zugehörigkeiten abseits traditioneller Bindungen finden. Wir Freimaurer, die in einer Gesellschaft wirken wollen, müssen uns dieser Entwicklung stellen und sie mit Verständnis und Maß begleiten, statt sie reflexhaft abzulehnen.
Bedeutet die Fokussierung auf individuelle Identitäten wie sexuelle Orientierung, Hautfarbe und strukturelle Diskriminierungen automatisch, partikulare Ansprüche über universelle Rechte zu stellen? Wenn ja, widerspräche das unserem freimaurerischen Universalismus der Gleichheit aller Menschen.
Der Vorwurf, Wokeness fragmentiere die Gesellschaft und löse den Universalismus auf, verdient freilich einen genaueren Blick. Unser freimaurerischer Universalismus besagt, dass jeder Mensch unveräußerliche Würde besitzt. Wokeness, in ihrer wohlwollendsten Lesart, fordert gerade deshalb, Ungleichheiten dort zu beseitigen, wo die Würde von Minderheiten verletzt wird. Sie ist insofern keine Antithese zum Universalismus, sondern eine konkrete Anwendung auf jene, die bisher nur theoretisch vom universalen Anspruch umfasst wurden.
Als Freimaurer müssen wir gleichsam vorurteilsfrei prüfen, ob eine jeweilige Ausprägung von Wokeness dem Universalismus entgegensteht oder ihn einfach nur konsequenter einlösen will. Wo Wokeness sich in reiner Gruppenlogik verliert, steht sie im Wider-spruch zu unserer Einheit der Menschheit. Wo sie jedoch Diskriminierung benennt und gleiche Würde einfordert, schärft sie unseren Anspruch an Freiheit, Gleichheit und Humanität.
Wokeness ist ein Kind reifer, offener Gesellschaften und Ausdruck einer horizontalen Pluralität, in der viele Lebensentwürfe und Wertvorstellungen nebeneinander existieren. Wo materielle Grundbedürfnisse, gottseidank!, gesichert sind, verschiebt sich der Fokus von existenziellen Fragen zu postmaterialistischen Werten wie Selbstverwirklichung, Anerkennung und sozialer Gerechtigkeit. So ist Wokeness Ausdruck einer emanzipativen Zivilgesellschaft, in der Menschen für die Würde anderer eintreten. Die Freimaurerei ist im Grunde auch eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich von Beginn an für Aufklärung und Menschenrechte einsetzte. Wir stehen also in einer Linie mit Bewegungen, die mehr Gerechtigkeit und Humanität fordern.
Diese horizontale Pluralität gedeiht in freiheitlichen Gesellschaften, die auch der Freimaurerei historisch günstige Bedingungen boten. Freimaurerisch stellt sich die Frage: Ziehen wir uns irritiert in einen homogenen Raum zurück oder schärfen wir unseren inneren Kompass in der Vielfalt?
Freiheit wird nicht durch die Anerkennung queerer Identitäten bedroht, sondern durch den Versuch, sie wieder in die Unsichtbarkeit zurückzudrängen. Zur Freiheit gehört die Verantwortung gegenüber der Würde des anderen. Gleichheit: Wokeness betont Unterschiede, um auf Ungleichheiten hinzuweisen. Ziel ist aber wirkliche Gleichheit in Chancen und Anerkennung, kein Angriff auf den Wert der Gleichheit.
Brüderlichkeit zeigt sich besonders dort, wo wir Fremdes oder Ungewohntes annehmen und schützen, nicht nur in Vertrautheit unter Gleichen.
Humanität fragt, wo Leid, Verletzung und Unrecht geschieht. Das Grundanliegen, Menschen vor Demütigung zu schützen, ist zutiefst freimaurerisch.
Toleranz beginnt beim Ertragen und reift zur Achtung. Wer Wokeness pauschal verspottet, verlässt diesen Weg. Wer kritisch, aber respektvoll prüft, handelt freimaurerisch.
Die Abwehr gegenüber Wokeness ist menschlich und nachvollziehbar. Doch freimaurerische Arbeit beginnt erst dort, wo wir Abwehr-Reflexe an unseren Werten, der Humanität und einer zukunftsfähigen Gesellschaft prüfen.
Vielleicht sollten wir weniger die Wokeness fürchten, als unseren eigenen Idealen nicht gerecht zu werden. Wenn wir Wokeness als Prüfstein unserer Werte sehen, kann sie uns einen Spiegel vorhalten: einen Spiegel, der uns zeigt, wo unsere Freiheit noch nicht für alle gilt, unsere Gleichheit selektiv ist, unsere Brüderlichkeit Grenzen hat und unsere Toleranz endet, wenn es unbequem wird.
Mögen wir diesen Spiegel nicht zerschlagen, sondern den Mut haben, hineinzusehen.





Der Artikel mag ja wohlmeinend geschrieben sein, aber es kommt mir zu oft „wir müssen“ oder ähnliche Formulierungen vor. Wir müssen gar nichts, wir müssen darüber nachdenken, reflektieren und uns unsere eigene Meinung bilden. LG Rolf