Hat der Mensch einen freien Willen?

Rolf Eicken

7. März 2026

ktsimage / envato.com
Die Frage nach dem freien Willen gehört zu den ältesten und zugleich unbequemsten Fragen der Philosophie. Aufbauend auf Spinoza und gestützt durch moderne Erkenntnisse der Neurobiologie und Genetik stellt dieser Beitrag eine provokante These zur Diskussion: Was wir als freie Entscheidung erleben, könnte in Wahrheit das Ergebnis unbewusster Prozesse sein. Ist der Mensch wirklich Herr seines Handelns – oder folgt er nur inneren Programmen, die er nicht selbst geschrieben hat? Ein Denkanstoß über Verantwortung, Selbstbild und die Grenzen unserer Freiheit.

Spinozas Ethik befasst sich mit der Imagination als der ersten Gattung, sowie mit der Ratio, als zweiter Gattung der Erkenntnis. Deshalb ist es leicht verständlich, dass in Spinozas Auffassung kein Platz für „liberum arbitrium“, den freien Willen bleibt. Er schreibt: „Der Wille kann nicht freie, sondern nur notwendige Ursache genannt werden.“ Spinoza ging damals noch von philosophischen Annahmen aus.

In unserer Zeit, wird das lange hochgehaltene Postulat einer dualistischen Weltauffassung nicht wenig dazu beigetragen haben, dass die Naturwissenschaftler davon Abstand nahmen, sich in metaphysische Fragen einzumischen. Mit den Veröffentlichungen von Libet, Roth, Wuketits, Singer u.a. hat sich die naturwissenschaftliche Seite verstärkt zu Wort gemeldet. In der Diskussion um die Willensfreiheit des Menschen werden die Erkenntnisse zur Evolution, Genetik sowie der kognitiven Neurobiologie nicht mehr heruntergespielt, negiert oder geleugnet. Es ist normal, dass Naturwissenschaftler davon Abstand nehmen, die meist in den metaphysischen Sphären angesiedelten Erkenntnisse von Körper und Geist zu akzeptieren. Um es vorwegzunehmen: Experimente haben gezeigt, dass der sich bewusst werdende Geist nicht einmal Herr im eigenen Haus ist.

Die von den Klerikern vorgebrachte Antwort auf die Frage, warum Gott es zulässt, dass Menschen einander Leid zufügen, andere quälen, versklaven, verstümmeln, ermorden usw., ist klassisch: nämlich „aufgrund der uns von Gott geschenkten Willensfreiheit“.

Menschen können anders als Tiere ihr Wollen, Tun und Lassen selbst steuern, sie haben für ihre Aktivitäten also einen großen Freiheitsspielraum. Die freiheitliche Existenz stellt einen großartigen Wert dar. Aber neueste Genom-Analysen, die die Forschungsergebnisse zur Evolution des Menschen auf den Gebieten der Paläanthropologie, Paläobiologie und Paläontologie erzielten, geben Aufschluss darüber, wie Einschränkungen der Willensfreiheit zustande kommen, die den Freiraum stark eingrenzen, sodass von eigentlicher Willensfreiheit nicht mehr die Rede sein kann.

Theologen setzen Gott oder den Gedanken an ihn als Prämisse voraus. Und genauso gibt es heute wohl kaum einen ernst zu nehmenden Wissenschaftler, der sich auf die Seite der Kreationisten oder Fundamentalisten schlägt. Auch wenn inzwischen viele Theologen die Evolutionstheorie akzeptieren, so tun sie dies nur halbherzig. Sie möchten am liebsten den Mythos der biblischen Schöpfungsgeschichte gegen den der Evolution austauschen und dann die Sache auf sich beruhen lassen. Sie vermeiden es, den Absturz der biblischen Berichte zu Ende zu denken, und bleiben auf dem halben Weg stehen. Sie rekurrieren und verteidigen das Paradies und den Sündenfall von Adam und Eva als ein Dogma. Nach der Logik der Kirche kam die Sünde und das Böse in die Welt, damit wir durch die übergroße Gnade Gottes gerettet und erlöst werden. Gott macht aus dem Bösen etwas Gutes. D. h., wir dürfen dank der Willensfreiheit etwas Böses tun, damit Gott uns dann entsprechend rettet und erlöst. Aber das ist eine Argumentation, die sich rational nicht nachvollziehen lässt. Offensichtlich benötigt die Kirche das Böse und die Sünde, damit Adam das Heil und das Paradies verspielen konnte und die Kirche ein Machtmittel in der Hand behält.

Die Naturwissenschaft weiß es besser. Die dunklen Seiten der menschlichen Natur sind ein Erbe der Evolution und hängen eng mit unserer Abstammung aus dem Tierreich zusammen. Somit führt kein Weg an der Feststellung vorbei, dass Evolution und Schöpfung, sowie die daraus resultierenden Lehren, unvereinbar sind!

Schaut man sich im Tierreich um und schiebt die rosarote Brille mit dem Blick auf die Natur für einen Augenblick zur Seite, erschrickt man über die Brutalität, mit welcher der Kampf ums Dasein, täglich, ja stündlich ausgefochten wird. Man empfindet Unbehagen bei der sich aufdrängenden Erkenntnis, dass die Evolution grausam erscheinende Strategien im Laufe der Jahrmillionen entwickeln musste, um immer neuen Lebensformen die Anpassung an die Umwelt und damit das Überleben zu ermöglichen. Gift, Klauen, Zähne oder Netze sichern im Tierreich das Überleben, und überleben heißt nichts anderes als Beute machen und nicht zur Beute werden.

Die Evolution interessiert sich nicht für Individuen und bietet nur insoweit Hilfe und Schutz, dass wenigstens einige Exemplare – nämlich die gut Angepassten und Starken – ihre Gene rechtzeitig weitergeben konnten. Und selbst mit den Arten (Spezies) springt die Evolution sehr resolut um; denn sie lässt gnadenlos die untergehen, die z. B. bei den Klimaveränderungen keine Zeit oder nicht mehr genügend Zeit zur Anpassung hatten. In dieser brutalen, im Prinzip lebensfeindlichen Umwelt haben sich unsere Vorfahren entwickelt und waren dabei am Rande des Aussterbens. Das Erbe der zig Millionen Jahre dauernden Evolution trägt auch der Homo sapiens heute noch in Form seiner Gene mit sich herum. Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass in uns noch ein Gutteil der aus dem Tierreich ererbten Gene lebendig ist. Sie bestimmen im Verein mit sozialen und kulturellen Faktoren unser Sosein, sind am Aufbau und der Struktur der neuronalen Netze beteiligt und beeinflussen die Schaltvorgänge dort, wo Bewusstsein, Unterbewusstsein, Empfindungen und allgemein die Gefühle zu Hause sind.

Vom freien Willen können wir leicht reden und unsere ethisch-moralischen Entscheidungen hervorheben, solange es keinen Krieg, keine Epidemie und keine beruflichen oder privaten Probleme gibt, wir also in keine Grenzsituation kommen. Dann fällt es uns leicht, für Verwandte und Freunde, Liebe und Sympathie oder gegebenenfalls Trauer und Mitleid zu empfinden.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. In Wirklichkeit verdanken wir unser ethisch-moralisch einwandfreies Auftreten nicht unserer Willensfreiheit, sondern weitgehend dem Zufall, der uns nämlich bei der großen Genlotterie nicht jene Gene zugeteilt hat, die aus uns einen gewalttätigen, grausamen, triebhaften Menschen gemacht hätten. Dass dabei auch soziale und kulturelle Einflüsse sich geltend machen, ist außer Zweifel.

Wie aber sieht es mit uns dann in Konfliktsituationen aus?

Wenn wir in einer stillen Stunde in den Spiegel schauen und uns fragen, wie wir wohl in einer Ausnahmesituation, Bedrohung, Lebensgefahr, im Krieg, auf der Flucht oder in einem Lager gehandelt hätten, dann brechen wir unseren Gedankengang lieber ab, weil wir das Gefühl bekommen, hier tut sich ein Abgrund auf, in den wir lieber nicht hineinsehen sollten. Unter diesen Umständen wird der Mensch nämlich zu einem Wolf unter Wölfen.

Einige Wissenschaftler überlegen, ob jene Gene, die uns die Evolution auch mitgegeben hat und die Gewalt und große Aggressionen codieren, nicht besser mithilfe der Gentechnologie ausgeschaltet oder zumindest abgeschwächt werden sollten. Ein Beispiel ist eine in Argentinien beheimatete Ameisenart, die sich ständig auf Leben und Tod mit anderen Ameisen bekriegt hat. Eines Tages haben diese Ameisen den Geruchssinn verloren und leben seitdem mit anderen Ameisen friedlich zusammen.

Zurück zu den Genen. Was passiert in uns, also in unseren Genen?

Werfen wir zunächst einen Blick in die Welt der Moleküle. Wie in einem Unternehmen repräsentieren die Gene den Vorstand und haben wie dieser das Sagen. Sie müssen die Unternehmensziele festlegen und entsprechende Anweisungen an die nachgeordneten Stellen geben. Das alles erledigen die Gene. Sie werden exprimiert, ihre Anweisungen werden von den Boten-DNA abgelesen und in die Zellen weitergeleitet. Die Boten-DNA repräsentiert die Kommunikationsstränge im Körper. Die Dienstleistung ist die Herstellung von hoch spezialisierten Facharbeitern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Funktionen: das sind die Proteine. Die wahren Macher in den Zellen sind nicht die Gene, sondern die Proteine. Diese verdauen, ernähren, stützen, transportieren, vernichten Bakterien und Viren, machen Antikörper unschädlich, wirken als Hormone auf die Zielorgane, kurz: Ohne sie gäbe es keine Lebensvorgänge in der Zelle.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung in München haben festgestellt, dass es nicht klar zu entscheiden war, ob das Erbgut oder die Umwelteinflüsse sich mehr auf das eigene Bewusstsein auswirken. Sie entdeckten, dass die Überzeugung der eigenen Kompetenz überwiegend erblich ist, ebenso Intelligenz und das Lernvermögen. Gerhard Roth sagt in seinem Buch „Das Gehirn und die Wirklichkeit“: Geistige und bewusste Akte machen nur einen kleinen Teil dessen aus, was wir sind oder tun. Das Allermeiste und Komplexeste tun wir, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Unser Gehirn als Netzwerk besteht aus 86 Milliarden Neuronen und Billionen Synapsen, die sich automatisch zu Schaltkreisen zusammenschließen. Genetisch angelegte Schaltkreise werden durch soziale und kulturelle Einflüsse verstärkt, sodass es bei den meisten Menschen zu keinen schwerwiegenden Verhaltensstörungen kommt, weshalb viele Menschen in Ausnahmesituationen ihre humanistischen Ideale selbst bei Gefahr für Leib und Leben hochhalten. Andere, die auch andere Gene geerbt haben, werden in den gleichen Lebenslagen zu brutalen Schlägern, Vergewaltigern oder Mördern, die kein Mitleid oder Erbarmen kennen.

Nun noch ein paar Fakten zum Willensentschluss:

Der amerikanische Neurobiologe Benjamin Libet hat festgestellt, dass der Beginn des Bereitschaftspotentials dem bewussten Willensentschluss vorausgeht. Der eigentliche Antrieb kommt nach Libet subkortikal, also unbewusst, zustande und wird aus dem limbischen Bewertungs- und Gedächtnissystem gespeist. Erst danach werden die Basalkerne und das Kleinhirn aktiviert und die kortikalen Prozesse in Gang gesetzt. Nachdem diese Prozesse schon alle durchlaufen sind, erst dann stellt sich für den M. das Gefühl ein oder wird sich der Mensch bewusst, etwas zu wollen.

Wenn wir angesichts dieser Tatsachen glauben, etwas bewusst zu entscheiden, die Entscheidung aber vorher im subkortikalen Netzwerk schon gefallen ist, ist der Begriff des freien Willens kaum mehr als eine Illusion. Nicht das ICH entscheidet, sondern das subkortikale System gibt die Entscheidung vor, die dann erst im Nachhinein in unser Bewusstsein gelangt, vom Ich übernommen wird, uns somit eine freie Willensentscheidung vorspielt und uns trotz divergierender Faktenlage die Begründung für unser Verhalten liefert, wir hätten einen freien Willen.

Zum Schluss (nicht ganz ernst gemeint):

Für jeden Gläubigen ist es das Höchste, was man nach dem Ableben erreichen kann, die Aufnahme in den Himmel, sowie ein Platz unter den Seligen, und das ist das vollkommene Glück in Ewigkeit. Da drängt sich jedoch für mich die Frage auf: Warum hat uns Gott nicht den ganzen leidvollen Umweg über unser irdisches Dasein erspart? Warum hat er uns nicht gleich für den Himmel geschaffen? Alles Leid, alle Pein, alles Unrecht und auch die Hölle gäbe es nicht. Warum hat Gott von der Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht? Wollte er oder konnte er nicht? Vielleicht deswegen, weil wir als Selige in den himmlischen Gefilden keinen freien Willen mehr haben? Aber den hatten wir ja, wie sich herausgestellt hat, doch ganz offensichtlich schon auf der Erde nicht!

Begriffserklärungen:

Exprimiert bedeutet das Aktivieren eines Gens, damit die darin gespeicherte Information in ein funktionales Produkt, wie ein Protein oder RNA umgesetzt wird. Die Expression überführt die genetische Information von der DNA in ein nutzbares Genprodukt.

DNA/DNS = Desoxyribonukleinsäure, Hauptträger und Speicher der 86 Milliarden Neuronen = davon 69 Milliarden im Kleinhirn und 17 Milliarden im Kortex.

Erbinformationen = (Baumplan des Lebens) = Doppelhelix.

Rekurrieren: auf etwas früher Erkanntes, Gesagtes zurückgehen oder – greifen, Bezug nehmen, anknüpfen.

Imagination: Vorstellungskraft, in der der Mensch sich z. B. etwas vorstellt, das es bisher nicht gibt.

Freimaurerei hat unterschiedlichste Facetten. Diese Plattform versucht, der Bandbreite gerecht zu werden. Die Beiträge stellen die Meinungen der Verfasser dar, nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Freimaurerei. Dies gilt ebenso für die Kommentare.

Wir freuen uns über Kommentare

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

Abonnieren Sie bitte unseren Newsletter

Natürlich kostenlos, jederzeit abbestellbar, keine Datenweitergabe.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x