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Dem Vernehmen nach steht innerhalb der deutschen Regularität erneut eine Debatte bevor, die weit über die eigentliche Sachfrage hinausweist. Es geht um Geschlecht, Zugehörigkeit und die Grenzen des Männerbundes. Doch die eigentliche Frage lautet längst anders: Ist das historische Modell der Regularität überhaupt noch zeitgemäß — oder verteidigt die Freimaurerei inzwischen ein Ordnungssystem, dessen gesellschaftliche Grundlagen längst verschwunden sind?
Die Regularität war einmal sinnvoll. Man muss das ausdrücklich sagen, weil viele Diskussionen heute sofort in reflexhafte Lagerkämpfe abrutschen. Historisch hatte die Regularität eine nachvollziehbare Funktion. Sie sollte Freimaurerei erkennbar halten. Sie sollte verhindern, dass jeder beliebige Schwindler, Esoteriker, politische Agitator oder selbsternannte „Großmeister“ den Namen Freimaurerei benutzt und damit ihren Ruf beschädigt.
Im 18. und 19. Jahrhundert war das plausibel. Informationen waren schwer überprüfbar. Internationale Kommunikation langsam. Anerkennungsketten dienten als eine Art Echtheitssiegel. Die Regularität war damals eine Schutzfunktion. Nicht mehr.
Heute leben wir in einer Welt, in der praktisch jeder Interessierte innerhalb weniger Stunden Rituale vergleichen, historische Quellen lesen, Obödienzen recherchieren, internationale Diskussionen verfolgen und Unterschiede zwischen Systemen analysieren kann.
Die alte Frage: „Wer ist regulär?“ verliert dadurch zunehmend an Bedeutung gegenüber der viel wichtigeren Frage: „Wo findet tatsächlich glaubwürdige Freimaurerei statt?“ An dieser Stelle gerät das klassische Regularitätsmodell zunehmend ins Wanken.
Eine Debatte, die viel mehr offenlegt als beabsichtigt
Aus gut unterrichteten Kreisen ist derzeit zu hören, dass innerhalb der deutschen Regularität über Regelungen diskutiert wird, die sich mit Transgeschlechtlichkeit und der Zugehörigkeit zum Männerbund befassen. Bereits die Tatsache, dass solche Fragen inzwischen juristisch, organisatorisch und ordenspolitisch behandelt werden müssen, zeigt, wie sehr die traditionelle Regularität mit gesellschaftlichen Entwicklungen ringt, die sich längst nicht mehr mit den alten Formeln des 19. Jahrhunderts beantworten lassen.
Interessant ist dabei hauptsächlich der internationale Vergleich. Denn ausgerechnet die United Grand Lodge of England – also jene Großloge, auf deren Tradition sich die Regularität so gern beruft – hat dieselbe Frage bereits pragmatisch beantwortet. Dort gilt sinngemäß: Ein einmal aufgenommener Freimaurer bleibt Freimaurer, auch wenn sich seine geschlechtliche Identität später verändert. Innerhalb der deutschen Regularität scheint man dagegen eher den Weg institutioneller Klarheit und formaler Grenzziehung zu bevorzugen. Das ist der Punkt, wo die eigentliche Krise beginnt. Denn beide Systeme berufen sich auf dieselbe Tradition der Regularität. Die Engländer sagen: „Die lebenslange Bindung des initiierten Freimaurers wiegt schwerer.“ Deutsche Stimmen sagen: „Der fortlaufende Männerstatus wiegt schwerer.“ Beides gleichzeitig kann kaum „zeitlose Regularität“ sein.
Die Transgenderfrage ist deshalb nicht der eigentliche Kern des Problems. Sie macht nur sichtbar, dass die angeblich unverrückbaren Grundlagen der Regularität in Wirklichkeit längst unterschiedlich interpretiert werden.
Die Regularität widerspricht sich selbst
Das ist keineswegs neu. Die Regularität war nie so eindeutig, wie sie gern dargestellt wurde. Sie war immer auch Anerkennungspolitik, Machtstruktur, historische Bündnisbildung und kulturelle Selbstvergewisserung. Besonders deutlich wird das beim Blick auf die sogenannte irreguläre Freimaurerei. Denn viele liberale oder humanistische Systeme bearbeiten dieselben freimaurerischen Kernthemen wie Freiheit, Brüderlichkeit, Humanität, ethische Entwicklung, Symbolarbeit, Ritual, Persönlichkeitsbildung. Die Unterschiede liegen oft weniger im freimaurerischen Kern als vielmehr in Religionsfragen, Geschlechterfragen, Anerkennungspolitik, organisatorischen Traditionen.
Gleichzeitig gelten streng religiöse oder hochgradig hierarchische Systeme weiterhin als regulär, obwohl sie in manchen Punkten weiter von den ursprünglichen „Alten Pflichten“ und den Vorgaben aus England entfernt erscheinen als humanistische kontinentaleuropäische Systeme. Das wirkt inzwischen selbst innerhalb der Freimaurerei immer schwerer erklärbar.
Besonders bemerkenswert ist dabei ein stilles Schisma innerhalb der deutschen Freimaurerei selbst. Inhaltlich stehen viele humanistisch orientierte Brüder den liberalen kontinentaleuropäischen Systemen oft näher als konservativen christlichen Ordensstrukturen, die formal regulär anerkannt bleiben. Die kulturelle Wirklichkeit hat sich längst weiterentwickelt als die offiziellen Grenzlinien.
Die Gesellschaft ist längst weiter
Der eigentliche Bruch liegt jedoch woanders: Die moderne Gesellschaft hat sich verändert. Und zwar, besonders aus freimaurerischer Sicht, radikal. Frauen besitzen volle gesellschaftliche Teilhabe. Geschlechterrollen sind beweglicher geworden. Menschen leben individueller. Autoritäten werden hinterfragt. Institutionen müssen sich erklären können. Und die meisten Freimaurer leben selbstverständlich mitten in dieser Realität. Sie arbeiten mit Frauen zusammen. Sie leben in pluralen Gesellschaften. Sie akzeptieren demokratische Gleichberechtigung. Sie begegnen LGBT-Personen im Alltag vollkommen normal. Sie denken modern. Sobald sie jedoch die Loge betreten, gelten teilweise Regelwerke und Begründungsmuster aus gesellschaftlichen Wirklichkeiten des 19. Jahrhunderts. Dadurch entsteht eine eigentümliche Doppelwirklichkeit: Der moderne Freimaurer, auch manche Freimaurerin, lebt privat längst anders, verteidigt institutionell aber Regeln, die außerhalb der Loge kaum noch nachvollziehbar erscheinen.
Das Problem dabei ist nicht einmal die Existenz traditioneller Männerlogen. Die wird gesellschaftlich akzeptiert. Das Problem entsteht dort, wo Regularität beginnt, ihre historischen Grenzziehungen wie Naturgesetze zu behandeln und daraus Ausschlussmechanismen abzuleiten, die immer künstlicher wirken.
Interessant ist deshalb auch, dass man aus vielen Logen inzwischen eher pragmatische Stimmen hört. Nicht wenige Brüder vertreten offenbar die Ansicht, dass solche Fragen von den einzelnen Logen verantwortungsvoll im konkreten Einzelfall entschieden werden sollten – und nicht durch zentrale Vorgaben oder juristische Konstruktionen. Vielleicht zeigt sich gerade darin bereits eine stille Entwicklung: weg von dogmatischer Regularität, hin zu mehr freimaurerischer Eigenverantwortung.
Wenn Institutionen ihre Form wichtiger nehmen als ihre Idee
Historisch wäre das übrigens keineswegs ungewöhnlich. Viele geistige Bewegungen entwickelten sich ähnlich: Die mittelalterlichen Zünfte entstanden als Schutzgemeinschaften freier Handwerker und erstarrten später teilweise zu privilegienorientierten Standesorganisationen. Die Kirchen entwickelten komplexe Dogmen und Machtstrukturen, gegen die Reformbewegungen entstanden. Philosophische und wissenschaftliche Gesellschaften begannen als freie Denkzirkel und endeten teilweise im Formalismus ihrer Institutionen. Das Muster wiederholt sich erstaunlich, indem die Organisation zunächst die Idee schützt, später vorrangig sich selbst. Diese Gefahr ist heute auch innerhalb der Freimaurerei sichtbar.
Die Regularität beansprucht Brüderlichkeit, Freiheit, Humanität, universelle Menschenverbindung. Praktisch organisiert sie jedoch immer häufiger Grenzziehungen, Ausschlüsse, Anerkennungspolitik, Identitätskontrolle. Das wirkt auf viele Interessierte zunehmend abschreckend.
Man sollte sich nichts vormachen: Die Freimaurerei verliert seit vielen Jahren Mitglieder und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit. Dafür gibt es viele Gründe. Aber die innere Zersplitterung und die schwer erklärbaren Regularitätsdebatten gehören mit Sicherheit dazu. Der durchschnittliche Interessent fragt heute nicht, ob eine Loge regulär und anerkannt ist. Er fragt, ob das glaubwürdig ist, menschlich, geistig interessant, offen genug zum Denken, hat das etwas mit meinem heutigen Leben zu tun? Viele Logen und Großlogen geraten da zunehmend in Erklärungsnot.
Voraussichtlich endet nicht die Freimaurerei — sondern nur ein altes Modell
Das eigentlich Interessante an der aktuellen Entwicklung ist: Die freimaurerische Idee selbst wirkt keineswegs überholt. Kernelemente wie Ritual, Symbolik, persönliche Entwicklung, Diskretion, Brüderlichkeit, Gemeinschaft, die Suche nach Haltung und Orientierung – das bleibt auch heute relevant. Krisenhaft wirkt dagegen zunehmend das institutionelle Modell der klassischen Regularität, ein historisches Ordnungssystem aus einer Zeit nationaler Großlogen, gesellschaftlicher Eliten und starrer kultureller Rollen. Vielleicht erleben wir deshalb gerade nicht das Ende der Freimaurerei. Vielleicht erleben wir nur das langsame Ende eines bestimmten Verständnisses von Regularität.
Und vielleicht wäre es tatsächlich – um mit Lessing zu sprechen – „recht sehr zu wünschen“, wenn Freimaurer künftig wieder stärker nach freimaurerischer Vernunft handeln würden als nach historischen Grenzverwaltungen. Denn die Zukunft der Freimaurerei wird sich vermutlich nicht daran entscheiden, wer wen anerkennt, sondern daran, ob sie den Mut besitzt, ihre eigentlichen Werte glaubwürdig in die Gegenwart zu übersetzen und zu verbinden, statt auszugrenzen.





