Das freimaurerische Menschenbild, eine bessere Welt durch bessere Menschen!

Axel Schönhals

2. Februar 2026

Kattecat / envato.com

Wer im Angesicht mangelhafter Zustände der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Fehlerhaftigkeit und des Verderbens unter den Menschen die Hände sinken lässt und dabei lediglich über die schlechten Zeiten klagt, der ist kein Mensch mit Lebensmut. Gerade darin, dass wir fähig sind, unsere Mitmenschen und uns selbst als fehlbar einzuschätzen, liegt eine besondere Verpflichtung, uns und sie besser zu machen. Wäre schon alles, wie es sein sollte, so brauchte man uns nicht in dieser Welt und wir wären besser nicht geboren worden. Wir sollten uns also freuen, dass noch nicht alles ist, wie es sein sollte, dass wir Arbeit finden und zu etwas nütze sein können.

Eine solche Aufgabe anzunehmen, um unseren Wert und unsere Bedeutung für diese Welt und ihre Gesellschaft unter Beweis zu stellen, ist für die Freimaurerei Herausforderung und moralische Pflicht zugleich.
Den „idealen Gutmenschen“ als Prototyp und humanistische Antwort auf einen allzu entmenschlichten Alltag zu entwickeln, ist dabei masonische Vision und Zukunftsprojekt. Besitzt die Freimaurerei die Legitimation, den weltanschaulichen Hintergrund und schließlich die gesellschaftliche Kraft, eine solche Herausforderung anzunehmen, und kann die Freimaurerei mit ihrer Vorstellung vom Menschen heute Antworten auf Fragen der Lebenswirklichkeit unseres „Morgen“ geben? Die Vertreter der über 300 Jahre alten Bewegung, auf der Basis von Toleranz und Brüderlichkeit, werden häufig gefragt: Wie viele Arten der Freimaurerei gibt es? Die Antwort lautet: so viele, wie es Maurer gibt.

Dazu bedarf es einer Orientierung, einer vorgegebenen Ordnung für die Systematik der genutzten Denksysteme. Hat die Freimaurerei überhaupt eine Bedeutung im europäischen, philosophischen Denken seit der Aufklärung errungen? Die Antwort überrascht. Freimaurerei ist kein philosophisches System, eher ein Verhaltensmuster einer Wertegemeinschaft! Das maurerische Menschenbild formt seine Mitglieder durch andere Vorgaben. Sie grenzen sich konsequent gegeneinander ab und erarbeiten ihre Gegensätze im Diskurs.

Grundprinzipien und Wirkfelder freimaurerischer Menschenbildung

Drei Besonderheiten können benannt werden, durch die das freimaurerische Menschenbild formend wirkt:

  1. Freimaurerei wirkt immer verbindend, integrierend, sie kennt keine Gegner.

  2. Die Mitglieder fühlen sich einem sittlichen Prinzip gegenüber einem gemeinsam anerkannten, höchsten Prinzip verantwortlich (dem großen Baumeister aller Welten), über dessen Wirken keine weitere Aussage gemacht wird. Der dadurch entstehende Freiraum für den Maurer bleibt unbeeinflusst und in seinen persönlichen Vorstellungen und Bedürfnissen sich selbst überlassen.

  3. Gegenüber Naturwissenschaft und Technik nahm die Freimaurerei durch bedeutende Vertreter wie Descartes, Spinoza, Newton, Bacon, und Leibniz von Beginn an eine positiv bejahende Rolle ein.

  4. Für Freimaurerei ist Fortschritt unverzichtbar, allerdings darf er keine wert- und verantwortungsfreie Eigendynamik entwickeln.

  5. Lehre und Forschung sind frei und unabhängig. Einschränkungen können durch den Bezug auf vorhandene Wertvorstellungen entstehen.

  6. Jeder wissenschaftliche Erfolg beinhaltet eine umfängliche Verantwortung gegenüber der Menschheit.

Leider überließen die Institutionen für wissenschaftliches Denken und Handeln des Technologiezeitalters den Freimaurern keine Wächter- oder Mahnerfunktion. Der Bund bewarb sich auch nicht darum. Das hätte der Freimaurerei möglicherweise die schwindende öffentliche Relevanz mit dem Verlust ihrer gesellschaftlichen Bedeutung über die Jahrhunderte erspart.

Das freimaurerische Menschenbild war und ist nicht exklusiv. Es verträgt sich mit jedem religiösen oder politischen Weltbild. Es setzt verbindliche ethische Normen, die für Menschen jeder Kultur, Herkunft oder Überzeugung akzeptabel sein können.

Die Freimaurerei versteht sich als Schule der Toleranz und Brüderlichkeit und eint in diesen Idealen die Maurer der ganzen Welt. Jedem lässt sie seine eigenen Überzeugungen und Lebensweisen, aber jeden Bruder verpflichtet sie zu gleichen ethischen Normen. Sie vermittelt keine Offenbarungen oder Dogmen, sondern möchte zu einem besonderen Stil der Lebensgestaltung führen.

Loge und Gemeinschaft als Raum der Einübung und Selbstprüfung

Ist eine solche Bewegung alltagstauglich?

Hinweise aus der Historie mit Lehren, Forderungen oder Wünschen für das Morgen einer besseren Welt lassen sich im Allgemeinen kaum formulieren. Hat der Mensch doch die Eigenart, immer alles besser zu wissen, gleichzeitig aber vehement zu bestreiten, je etwas falsch gemacht zu haben. Aus den Fehlern der jüngsten Vergangenheit unserer Gesellschaft und ihren für alle katastrophalen Folgen waren gesellschaftspolitische Begriffe wie Vision und Ideologie bis vor Kurzem negativ besetzt. Mündige Bürger, Staatsformen wie die der Demokratie waren nicht in der Lage, schlüssige Konzepte zu entwickeln. Die königliche Kunst bietet sie durch ihr Menschenbild an.

Freimaurerische Menschenbildung zielt in erster Linie auf den Menschen als Menschen und nicht auf den Menschen als Staatsbürger, als Christen, als Soldat, als Anhänger einer Weltanschauung. Die besondere individuelle Wertigkeit jedes einzelnen Bruders, jedes einzelnen Menschen ist der Werkstoff, an dem in der Freimaurerei gearbeitet wird. Dazu braucht es eine Idee.

Die Idee Freimaurerei stellt im Ergebnis die Unterschiede in den Vordergrund, die sich Menschen durch Arbeit und Leistung im Rahmen der Optimierung ihrer individuellen, vorhandenen Möglichkeiten nach intensiver Erforschung ihres Selbst geschaffen haben (Arbeit am rauen Stein). Darin besteht der elitäre Anspruch der Freimaurer in ihrer Form des Menschseins: Erkenne, wer du bist. Finde heraus, was du kannst. Mache dich unverzagt daran, deine Erkenntnisse und dein vorhandenes Menschsein mittels deiner Möglichkeiten zu optimieren. Bei dieser Art der Persönlichkeitsbildung – der Ausschöpfung aller Möglichkeiten – bleibt die blaue Freimaurerei, wie wir sie in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer noch vertreten, nicht stehen.

Der Weg zu den benannten Zielen erfordert die Gemeinschaft der Brüder der Loge, jedoch weder zur Solidarisierung und Selbstbeweihräucherung noch zur Abkapselung und Idealisierung in elitären Zirkeln. Die Gemeinschaft der Loge bildet einen geschützten Raum, in dem die Ideale und Vorhaben nicht nur vorgestellt und erörtert, sondern im Sinn einer Einübungs-Ethik praktiziert und gemeinschaftlich wiederholt erlebt und abschließend evaluiert werden. Diese intime Form des Umgangs nach einem klaren Regelwerk (alte Pflichten), mit einer permanenten Infragestellung durch alle Beteiligten (unbequeme Mahner), intellektuell wie auch emotional, stellt eine Besonderheit unter Initiationsgemeinschaften dar. Die vernunftgesteuerte Erforschung der Inhalte hat allerdings, um Missverständnissen vorzubeugen, zu keiner Zeit und in keiner Lehrart Geheimnisse jeglicher Art zutage gefördert.

Freimaurerei zwischen Alltag, Vernunft und Hoffnung

Die Freimaurerei hat das als geheimnisvoll (diskret, intim) empfundene Erleben in all ihren rituellen Arbeiten gepflegt und genutzt, auch um sich – zugegebenermaßen – ein wenig interessant zu machen. Mit der daraus entstandenen Vielzahl an Irrungen und Sackgassen, verstärkt durch persönliche Unzulänglichkeiten beteiligter Brüder (Menschen), führte und führt die humanistische Freimaurerei auch heute zu zähen Auseinandersetzungen der Abgrenzung und Befreiung.

Freimaurerische Esoterik in der Sprache der Symbole verzichtet bewusst auf eine Verbindlichkeit der Auslegung für den Einzelnen. Das Symbolverständnis ist innig mit dem Selbstverständnis des einzelnen Bruders Freimaurer und seiner persönlichen Ideenwelt verbunden. So wird das selbst gedeutete Symbol im geschützten Raum der Bauhütte entwickelt und ausgelebt. In der Verstärkung des Erlebens aller kann es zu einem nur für den Einzelnen selbst sich erschließenden Geheimnis kommen. Wenn einem so etwas immer wieder erneut widerfährt, kann sich daraus eine Persönlichkeit formen, die zunehmend ein Gefühl für die königliche Kunst, die Freimaurerei, entwickeln kann.

Freimaurerei benutzt das Prinzip der Polarität. Gegensätze zwischen der Materie (Natur, Welt der Körper) einerseits und dem Geistigen (Sinne, Sinnlichkeit) andererseits sind beispielhaft. Die zur Verfügung stehende Symbolik ist vertraut, wie Sonne und Mond oder hell und dunkel im musivischen Pflaster.

Ein weiteres Merkmal ist die besondere Stimmung in unseren rituellen Zusammenkünften. Andere Gemeinschaften haben in ihrer Esoterik besondere Methoden entwickelt, die „übernatürliche Geisteszustände“ in einer Versunkenheit herbeiführen sollen. Die Freimaurerei strebt solche Zustände nicht an, noch verfügt sie über Praktiken hierzu. In den Treffen unserer Gemeinschaften herrscht zwar bisweilen eine meditative Stimmung, aber es wird nicht aktiv meditiert. Es ist eher eine Nachdenklichkeit, die entstehen soll. Sinne und Denken werden aktiv herausgefordert. Im Vergleich zu „Entrückten“ steht der Freimaurer in der Loge diesseits der Grenze zum Unbewussten. Er gehört zu den Alltagsmenschen, die der Vernunft und dem Verstand verpflichtet sind.

Freimaurerei ist in ihrer Sinn-Suche nicht zukunftsgewandt. Es herrscht allerdings eine unausgesprochene Hoffnung auf eine harmonische Weltvollendung. Während Religionen sich dem Absoluten in der Transzendenz zuwenden, bleibt die Freimaurerei im Diesseitigen. Das bedeutet: ehrlich zu sich selbst und zu anderen sein. Verantwortung für eigene Fehler ohne Wenn und Aber übernehmen. Werte und Ideale müssen mit dem Handeln übereinstimmen. In der traumatisierenden Wirklichkeit unseres Alltags hat Freimaurerei in ihrem Menschenbild und durch ihre strukturellen Möglichkeiten ein Angebot, das wir Brüder mit aller gebotenen Achtsamkeit selbstbewusst in unser profanes Umfeld tragen können.

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