Symbolfoto: PedaltotheStock / envato.com
Nach 1945 lag die Freimaurerei in Österreich in Trümmern: geplünderte Logenhäuser, gestohlene Bibliotheken, keine Rituale, keine Strukturen. Und doch begann alles neu – mit wenigen Brüdern, aus dem Gedächtnis rekonstruierten Ritualen und dem unbeirrbaren Willen, die Kette wieder zu schließen. Klaus Henning zeichnet anhand eindrucksvoller Quellen den „dritten Anfang“ nach: eine Geschichte von Verlust, Improvisation und dem leisen, aber entschlossenen Wiederaufbau einer geistigen Gemeinschaft gegen alle Widerstände.
Dieser Beitrag ist erstens eine Hommage an den Bruder Günter Kodek, den großen Chronisten der österreichischen Kette, den wir Älteren noch gut gekannt haben und dessen Bücher es verdienen, in jeder Bibliothek eines österreichischen Freimaurers zu stehen. Die Zitate, die man hier lesen kann, stammen aus dem Band Unbeirrt durch den Lärm der Welt – Chronik der österreichischen Freimaurerei in der II. Republik Österreich 1945-1985. Er ist zweitens eine Hommage an die Brüder des Jahres 1945, die die Reste unserer Kette aus der Verwüstung des Landes geborgen haben; stellvertretend für sie alle nenne ich den Namen des Bruders Alfred Zohner.
Doch vorerst ein Wort zu den beiden Anfängen eins und zwei. Anfang eins im Herbst 1742 war nicht gerade spektakulär, wohl auch deshalb, weil man nicht viel Aufsehen wollte: Immerhin war die Herrscherin, die 25jährige Maria Theresia, eine treue Tochter jener Kirche, die gerade ein paar Jahre davor ihre erste Bannbulle gegen die junge Freimaurerei geschleudert hatte. Doppelt peinlich kam der Umstand hinzu, dass die junge Frau mit einem Mitglied unseres Bundes verheiratet war, was in den maßgebenden Kreisen nicht unbekannt blieb. Damit war er außerdem auch noch Mitglied in derselben ‚Sekte‘, in der sich auch der Hauptfeind seiner Frau befand, nämlich der gehasste Preußenkönig Friedrich der Zweite. Was dazu im Ehegemach gesagt wurde, können wir nicht wissen.
Der zweite Anfang war schon ein Vorgriff auf den dritten, denn er spielte sich am Ende eines großen Krieges ab. Jahrzehnte waren die österreichischen Freimaurer gewissermaßen Untermieter bei den ungarischen Brüdern gewesen, weil ein habsburgischer Franz mit dem irreführenden Prädikat ‚der Gute‘ die Maurerei verboten hatte – was er allerdings nur im österreichischen, nicht aber im ungarischen Teil seines Reiches tun konnte; 1918 begann zeitgleich mit der Republik eine eponyme Aufstiegsphase, markiert von der durchgehenden Großmeisterschaft des Wiener Bruders Richard Schlesinger. Danach – im Frühjahr 1938 – erlischt das Licht.
Erst 1945 – wieder im Frühjahr – ist der Schrecken des Krieges vorbei. Und jetzt?
2. Mai Alfred Zohner (Loge Lessing Zu den 3 Ringen) sucht nach ehemaligen Brüdern. und wagt sich auch erstmals in die Räumlichkeiten der ehemaligen Großloge von Wien in der Dorotheergasse 12; der 1. Stock (die ehemaligen Gesellschaftsräume) und ein Teil des 2. Stocks sind von einem Gewerbebetrieb besetzt, die übrigen Räume überwiegend verwüstet, die Bespannungen der Wände zerfetzt, der Bodenbelag entwendet, Kasten aufgebrochen und ausgeraubt und auch die Bibliothek gestohlen.
Ins Leben tritt gleich einmal die Sammelloge Humanitas renata. Die Brüder halten fest, dass 1938 die Lichter nicht freiwillig gelöscht wurden: Die Arbeit wurde durch höhere Gewalt lediglich unterbrochen. This makes all the difference. Erste rituelle Arbeit der SammelL Humanitas renata, genauer gesagt der Großloge von Wien, mit 67 Brüdern als Trauerarbeit für den am 5. Juni 1938 in den ewigen Osten vorangegangenen GM Richard Schlesinger sowie zum Gedenken an all die anderen seit 1938 i.d.e.O. vorangegangenen Brüder.
Wir sind noch da, wir leben noch. Und eine Überraschung gibt es auch. Die rituelle Arbeit der Humanitas war gar nicht die erste auf österreichischem Boden: Die Kärntner waren neun Tage schneller. Wer hätte das gedacht? Paracelsus (britische Besatzungszone als Erklärung) trifft sich auf einem Schloss: Frauenstein bei Sankt Veit an der Glan.
Die Loge Paracelsus (Meister vom Stuhl Carl Ernst Newole; sein Enkel wird viel später Meister vom Stuhl der Loge Universum in Wien) hält auf Schloss Frauenstein nördlich von St. Veit an der Glan (Besitzer Friedrich Wilhelm Heinemann, vor 1938 Loge Freundschaft, jetzt Loge Paracelsus) die erste rituelle Arbeit nach Ende des II. Weltkriegs ab. Da die Verbindung zur Großloge von Wien wegen der Verkehrsverhältnisse nicht möglich ist, bemüht man sich über englische, der Besatzungsmacht angehörende Brüder, um Anerkennung durch die United Grand Lodge of England (UGL). Diese Bemühungen bleiben jedoch erfolglos, da die UGL jeden Kontakt mit Angehörigen ehemaliger Feindmächte untersagt hat.
Kaum zu glauben: Die ersten Suchenden melden sich. Dabei ist alles noch im Chaos: keine Rituale, sie müssen mit der Hand aus dem Gedächtnis nachgeschrieben werden, man braucht Richtlinien für die Aufnahme der Suchenden. Und Winter ist es auch. Was tun gegen die Kälte? Der Großbeamtenrat beschließt einen Aufruf:
„Weiters sind die Brr. darauf aufmerksam zu machen, dass infolge des Mangels an Heizmaterial während des Winters jeder Br. ein Holzscheit zur Arbeit mitbringen möchte.“
Inzwischen schreiben wir schon das Jahr 1946, und eine Bundeshymne bekommen wir auch. Komponist ist der Bruder Mozart – glaubt man jedenfalls; erst später wird der wirkliche Schöpfer dieser Melodie identifiziert, ein gewisser Johann Baptist Holzer; egal, auch er ist ein Bruder. Und jetzt gibt es auch schon die erste Rezeption in der Humanitas renata; aber bitte hört Euch den Unterschied zu heute an.
Erste Rezeption nach Kriegsende: In der Sammelloge Humanitas renata wird zehn Suchenden das Licht erteilt. Für die Weiße Tafel zum Preis von S 2,- ohne Getränke sind abzugeben: vier Brotmarken, zwei Fettmarken und zwei Stück Zucker.
Inzwischen heißt unsere neue Großbehörde Großloge von Wien für Österreich, und die Kärntner Loge Paracelsus wird nicht neu gegründet, sondern einvernehmlich reaktiviert. Man sieht, es geht uns schon ein wenig besser – man erkennt das daran, dass wir schon wieder unseren Formalismus auspacken. Jetzt ist wenigstens klar, dass die Großloge die Oberhoheit über das gesamte Gebiet der Republik beansprucht. Großmeister Karl Doppler bittet um Hilfe eines sprachkundigen Bruders mit Schreibmaschine, da die Korrespondenz mit dem Ausland derart angewachsen ist, dass sie kaum mehr bewältigbar ist. Gütiger Himmel – junge Brüder könnten heute glauben, wir reden von der Steinzeit! Inzwischen halten wir bei der Künstlichen Intelligenz; Schreibmaschine! Nur wir Alten wissen noch, was das für ein Gerät war.
Seht mal, eine ganze Loge geht auf Wanderschaft: Paracelsus arbeitet ein letztes Mal auf Schloss Frauenstein. Und ab jetzt? Die Loge Paracelsus arbeitet letztmalig auf Schloss Frauenstein, sechs Brüder werden erhoben. Ab jetzt finden die freimaurischen Arbeiten bis Oktober 1952 an verschiedenen Orten statt (z. B. im Klagenfurter Büro des Landesfremdenverkehrsamtes, in unterschiedlichen Gasthäusern, im Landesmuseum, in der Karfreitstraße 3 und in Krumpendorf am Wörthersee).
Langsam werden die Zeiten ein wenig normaler, aber gut sind sie noch lange nicht. Noch immer wartet man sehnsüchtig auf die CARE-Pakete und die Verteilung der Lebensmittel an die Brüder. Und die brüderliche Hilfe aus dem Ausland ist sehr begehrt, besonders die aus den reichen U.S.A.: Auszug aus einem Dankesbrief der Großloge von Wien für Österreich an den Humanitas Social Club in New York als ein Beispiel für die herrschende Situation: „… Ihre Anregung wegen weiterer Sendungen würden wir mit großer Freude aufnehmen und Sie vor allem bitten um Herrenschuhe der Größe 40 bis 43, Damenschuhe 36 bis 39 und die entsprechenden Überschuhe, Hemden mit der Halsweite 39 bis 43, Unterhosen mit der Bundweite 80 bis 110 cm, Frauenkleider der Größe 2 und 3, Männerkleider aller Größen, womöglich aber für größere und stärkere Figuren, Überzieher, Wettermäntel und Winterröcke der entsprechenden Größe …“ ‚Überzieher‘ – das war eine Art Mantel, wisst ihr noch?
Wir schreiben nun schon das Jahr 1948. Der neugewählte Großmeister wird angelobt und Bruder Alfred Zohner zum Ehrenmitglied der Großloge gewählt. Wir erinnern uns: Er war der Bruder, der am 2. Mai 1945 als erster das Logenhaus inspiziert hat. Aber irgendwie stehen wir ein wenig da wie ein Mensch ohne Vergangenheit. Wir müssen ihre Trümmer ‚zizerlweise‘ zusammensuchen, und zwar im Ausland. Wenig später richtet die Großloge von Wien für Österreich ein Rundschreiben an alle Großlogen und bittet, „da mit der Okkupation Österreichs im Jahr 1938 alle Archive verschleppt wurden“, um Nachricht über die vor dem Krieg bestandenen Anerkennungsverhältnisse und um die Namen und Anschriften der Großrepräsentanten.
Inzwischen werden die Logen der Reihe nach reaktiviert, gerade ist die Loge Gleichheit an der Reihe. Auch fast die ganze Bibliothek der Großloge von Wien wird von der Nationalbibliothek zurückgegeben. Und Anfang Mai 1948 hat die österreichische Kette laut Mitgliederstatistik 282 Mitglieder. Das ist insofern interessant, als ein paar Tage danach von 465 Mitgliedern die Rede ist. Hat da vielleicht jemand ein wenig gemogelt? Hört selbst:
Die Großloge von Wien für Österreich ersucht die Austria Tabakwerke AG um Zuweisung von 10.000 Stück Zigaretten („Problemmischung“ zum Preis von S. 1.000,– + S 1.000,– Aufbauzuschlag) für ihre 465 (!?) Mitglieder. Aber es geht nicht nur um Zigaretten. Es gibt – wir haben das längst vergessen – ein Städtisches Hauptwirtschaftsamt. Dort muss man sich melden, wenn man etwas braucht, und das tut die Großloge. Die Großloge von Wien für Österreich ersucht das Städtische Hauptwirtschaftsamt um „dringende Zuteilung von 5 kg Kerzen“.
Im Laufe des Jahres 1949 verdichtet sich die neue Existenz der Freimaurerei in Österreich. Immer mehr Logen werden reaktiviert und neu geschaffen, immer mehr Anerkennungen durch andere Großlogen treffen ein – natürlich bislang nicht von der UGLE, die Abstand hält zu den Großlogen in den ehemaligen Feindländern; und ja, Österreich zählt dazu – bizarr, nicht wahr?
Ein Wort noch zum Ende, dieses Mal zu den Nachbarn im Osten. Fast überall hat es damals einen guten Start gegeben; lang hat das aber nicht gehalten, dann kam die kommunistische Machtergreifung – sehr traurig, sehr schade. Ungarn mit seinem besonderen Verhältnis zu Österreich wurde zum Hauptobjekt unserer Hilfsversuche. Schwamm drüber, man soll sich nicht berühmen. Wir haben getan, was man tun konnte. Rund vierzig lange Jahre dauerte das ‚Meer der Stille‘, wie ich es nenne: Dann kam doch wieder ein Anfang – für Ungarn sogar schon der vierte.
As time goes by: Vor langer Zeit habe ich in einem Baustück (‚Magyar Brotherhood‘) einen Fußball-Scherz der Sechzigerjahre zitiert: Bei einer Europameisterschaft sagt der Enkel zum Großvater: „Gestern war Frankreich : Deutschland, morgen spielt Österreich : Ungarn.“ Der Großvater fragt zurück: „Gegen wen?“




