Geht hinaus in die Welt und bewährt euch

Carlos Urban

20. Dezember 2025

fotodoroga / envato.com

Im Ritual unserer Großloge heißt es auf die Frage „Was ist der Sinn unserer Arbeit?“: – „Geistige Entfaltung und die Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung“. Das klingt nett, harmlos und überschaubar und wird vielleicht gerade deshalb von manchem Bruder überhört, dem die Loge als eine Art kultivierter Stammtisch – und er sich selbst – genügt. Zum Schluss der Arbeit wird noch ein eher symbolisches Almosen der Sammlung zugefügt und zwei wichtige und möglicherweise die schönsten Abschnitte des Rituales werden zur Kenntnis genommen. — Aber dann? Üben wir die geforderte brüderliche Liebe, die als Grundstein und Schlussstein postuliert wird? Wirken wir innerhalb und außerhalb der Loge so, jeder für sich und wir als Gemeinschaft, dass „alle den wohltätigen Einfluss der Maurerei erkennen“? Oder sonnen wir uns nur im Glanz dieses schönen Satzes? Gehen wir nach dem Ritual wirklich zurück in die Welt und bewähren wir uns als Freimaurer? Wehren wir wirklich dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehren wir niemals der Not und dem Elend den Rücken?

Wirklich sicher, dass wir uns dem Gebot des Rituales unterwerfen, bin ich nur beim letzten Teil: „Seid wachsam auf euch selbst“. Ansonsten bin ich skeptisch.

Ich verstehe mich nicht als Moralapostel; es steht mir nicht zu, jemandem vorzuschreiben, welche Lehren er aus der Freimaurerei zieht und in welchem Umfang er sie umsetzt. Und ich weiß sehr wohl, dass nicht jeder die gleichen Möglichkeiten hat, seine gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen – finanziell, zeitlich, seinen Kräften oder seinem Wesen entsprechend. Ich möchte aber doch die Frage aufwerfen, ob wir alle nicht wesentlich mehr tun könnten, als Einzelner, als Loge oder als Gruppe in der Weltbruderkette.

Wir Menschen neigen dazu, uns unsere Welt schönzureden, statt sie schönzumachen. Wir haben ein Talent, bestehende Probleme zu übersehen, sie kleinzureden oder aber in Scheinwirklichkeiten zu flüchten, dort sehr aktiv zu werden und an den eigentlichen Antworten vorbeizufragen. Oder wir tun von dem, was zu tun nötig wäre, nur einen winzigen Teil, gerade so viel, um unser Gewissen zu beruhigen. Ich nenne das „aktivistische Handlungsvermeidung“.

Wenn man das anspricht, kommt von älteren und abgeklärteren Brüdern die Bemerkung, wir Freimaurer seien nur ein Spiegel der Gesellschaft. Das könnte ich akzeptieren, wenn wir ein organisierter Stammtisch wären, eine Debattiergesellschaft oder ein mehr oder weniger gepflegter Herrenclub. Wir betrachten uns aber als Freimaurer, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Wir haben uns durch langes Kennenlernen einer Bruderschaft, einem Engbund, angeschlossen, deren Ziele uns nie verheimlicht worden sind, die wir in einer langen Phase kennenlernen durften. Wir haben vor der versammelten Bruderschaft bei unserer Ehre und unserem Gewissen gelobt, uns der Humanität aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft – ich wiederhole bezielt: aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft – zu widmen und haben an gleicher Stelle hinzugefügt, dass wir unsere Pflichten unseren Familien gegenüber, unserer Gemeinde, dem Land und der Gemeinschaft aller Menschen gewissenhaft erfüllen werden. Jeden Monat versichern wir uns in einem feierlichen Ritual aufs Neue, dass wir uns als Freimaurer bewähren wollen, und im Ritual des Meistergrades geht es noch eine Spur schärfer zu, ohne an dieser Stelle etwas verraten zu wollen.

Wir nutzen den positiven Einfluss der Freimaurerei für uns selbst, ja: Wir leben von den großen Taten und dem Nachruhm zahlreicher freimaurerischer Vorfahren und von den Aktivitäten einiger sehr umtriebiger lebender Brüder. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir auf diese Weise von der Substanz leben, dass wir den „Kitt und den Ruhm der alten Bruderschaft“ aufzehren, wenn wir keine neuen Taten hinzufügen. Maurerei ist ein leeres Gefäß, wenn wir es nicht füllen. Der „Spiegel der Gesellschaft“ zu sein, reicht nicht, wenn wir gleichzeitig diese Gesellschaft beklagen. Ein Vorbild müssen wir sein, als Bruderschaft und als einzelne Mitglieder.

Gut: Die meisten von uns dürften in ihrem privaten oder beruflichen Umfeld gelassener und gerechter geworden sein, hier macht sich der wohltätige Einfluss der Maurerei im Kleinen bemerkbar. Für den einen oder anderen mag das bereits eine große Leistung und ein großer Fortschritt sein, und das ist lobenswert. Mancher kann aus verschiedenen Gründen nicht mehr als diesen Teil leisten und eine Bewertung steht mir nicht zu. Aber viele könnten, Schritt für Schritt, mehr leisten, ergreifen aber die Möglichkeiten nicht.

Energie ist genügend da. Oft genug beobachte ich, dass Brüder kein Problem haben, Zeit für abseitige Dinge in der Freimaurerei aufzubringen oder sich sonstwie im „Maurertum“ als solchem statt in der „Maurerei“ an sich zu versteigen. Zeit für die Inhalte der Freimaurerei, für ihr Verständnis, die Ritualistik und Formelles aufzubringen, ist in Ordnung, ist notwendig und wird im Gelöbnis ebenfalls gefordert. Aber es geht, wie immer in der Maurerei, um das richtige Maß. Man muss nicht Ritualerlebnisse, möglichst noch exotischer Art oder an skurrilen Orten, sammeln. Es ist kein Maßstab, in großer Zahl Logen in touristischer Manier zu besuchen oder weit vor der Zeit in Hochgrade aufzusteigen, möglicherweise noch abseitige Systeme, und seine Kraft von der eigenen Loge abzuziehen, der man doch seine Arbeitskraft gelobt hat. Statt weiterer Grade kann man Aufgaben und Ämter in der eigenen Loge als Möglichkeiten zum Erkenntnisgewinn verstehen. Zumal es nichts Neues zu lernen gibt, was einem die klassischen Rituale der drei blauen Grade und der gesunde Maurerverstand bei genügender Beschäftigung nicht bereits zu sagen haben.

Ich habe vielfach den Eindruck, dass die Ausflüge aus der eigenen Loge und der eigentlichen Maurerei eine Flucht davor sind, sich mit den wirklichen Zielen und Folgen der Freimaurerei oder, viel grundlegender, mit dem Leben als solchem auseinanderzusetzen. Das aber ist das eigentliche Ziel, das die Maurerei fordert: geistige Entfaltung und Entwicklung einer sittlichen Lebenshaltung. Maurerei ist keine plüschige Selbsterfahrungsgruppe, sondern ein Freundschaftsbund von Menschen, die sich weiterentwickeln und gleichzeitig die Welt ein wenig angenehmer gestalten wollen.

Mir ist häufig unwohl dabei, wenn ich in die Logenlandschaft sehe. Manche Logen genügen sich selbst, verstehen sich als Veranstalter stilvoller Kulturevents, manchmal sogar nur für geschlossene Kreise, führen Schwesternfeste durch, unternehmen Kohltouren, besuchen angebliche spirituelle Orte und organisieren Vortragsabende über Anlageschwankungen in der Bankenkrise. Diskussionen über Themen, die gerade unsere Gesellschaft umkrempeln und neben großen Chancen auch gewaltige Gefahren für Freiheit, für Demokratie und Gerechtigkeit bieten – eigentlich unsere ureigenen Themen – finden in den Logen kaum statt, von Umsetzungen gewonnener Erkenntnisse ganz zu schweigen.

Um uns herum ist jegliche Privatsphäre in Gefahr, zum staatlichen Eigentum zu verkommen. Konzerne patentieren selbstverständliche Bausteine des Lebens, radikale religiöse Minderheiten sowie politische Extremisten üben Terror aus. Die Politik gibt sich machtlos den Interessen der Wirtschaft und der Kirchen hin. Die Ungerechtigkeiten nehmen zu, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Der Mittelstand in seiner Bandbreite – übrigens das bürgerliche Fundament der Freimaurerei – bricht in sich zusammen. Das Bildungs- und Ausbildungsniveau ist auf einem erschreckenden Tiefpunkt – und wir Freimaurer bezeichnen uns selbstgefällig und unsere Bedeutungslosigkeit beschönigend als ein Spiegelbild der Gesellschaft. Mit anderen Worten: In unseren Logen sind dies Randthemen, die wohl mal diskutiert, aber im Großen und Ganzen mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden.

Wir können nicht alle Probleme lösen. Aber doch das eine oder andere Kleine, und bei den größeren können wir vielleicht bisweilen dafür sorgen, dass sie uns nicht über den Kopf wachsen. Vielleicht gelingt es uns sogar, wenn wir uns nur etwas zutrauen, den Problemen der Gegenwart mit neuen Gedanken zu begegnen und Prozesse in Gang zu bringen, die der Gesellschaft helfen könnten. Auch Lawinen fangen bekanntlich klein an.

Ich habe diesen kleinen Text mit der Frage nach dem Sinn unserer Arbeit begonnen. Die im Ritual darauffolgende Frage ist, ob wir diesem Ziel nähergekommen sind. Die Antwort lautet: „Wir haben uns bemüht“. Diese Wortwahl soll eigentlich die Bescheidenheit ausdrücken, mit der wir unser Tun beschreiben. Wir müssen jedoch aufpassen, dass es nicht eine ganz andere Bedeutung erhält. Ein heutiges Arbeitszeugnis mit der Bemerkung „hat sich bemüht“ könnte vernichtender nicht sein.

Ich fordere von niemandem mehr, als er, ohne auf sich selbst achtsam zu sein, zu leisten vermag; ich würde mir aber wünschen, dass jeder Einzelne über seinen Auftrag und sein Selbstverständnis als Freimaurer, über die aus dem Gelöbnis und den Ritualen sich ergebenden Pflichten nachdenkt und sorgfältig prüft, was davon er in seinem Leben und in der Loge umsetzen kann, zum Wohle jedes einzelnen Bruders, seiner Familie, der Gesellschaft und auch der Loge.

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