Sichtbar – aber wofür? Freimaurerei und Social Media

Carlos Urban

20. März 2026

wirestock / envato.com

Freimaurerei soll sichtbarer werden – so lautet eine aktuelle Empfehlung. Doch ein Blick auf bestehende Social-Media-Auftritte wirft Fragen auf: Wen erreichen diese Darstellungen wirklich? Welches Bild entsteht – und entspricht es überhaupt dem, was Freimaurerei sein will? Ein kritischer Blick auf ein Thema, das mehr Klarheit braucht als Reichweite.

Ich habe vor wenigen Tagen an einem Online-Webinar der Forschungsloge Quatuor Coronati teilgenommen, das – wie so oft – inhaltlich auf gutem Niveau und sehr empfehlenswert war (weshalb jedem Freimaurer und jeder Freimaurerin die Mitgliedschaft in dieser Gruppe nur empfohlen werden kann). Leider konnte ich nur am Anfang und am Ende teilnehmen, sodass ich den gesamten Inhalt nicht bewerten kann.

Unter anderem wurde eine Umfrage vorgestellt, in der erwartungsgemäß verschiedene aktuelle Schwächen der Freimaurerei sichtbar wurden, ebenso eine gewisse Unzufriedenheit. Vieles davon habe ich in meinem Buch „Freie Maurer“ bereits vorweggenommen. Was mich jedoch zu diesem Beitrag veranlasst hat, war die Empfehlung einer Arbeitsgruppe, dass Logen ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärkt über Social Media betreiben sollten. Ich lehne diesen Gedanken nicht grundsätzlich ab, halte ihn jedoch nur unter der Voraussetzung erheblicher Sorgfalt und Klarheit für sinnvoll.

Sichtbarkeit ohne erkennbare Kommunikation

Ein Blick auf viele Social-Media-Auftritte von Logen zeigt zunächst Aktivität – bei genauerem Hinsehen jedoch kaum erkennbare Kommunikation. Beiträge werden überwiegend von anderen Freimaurern wahrgenommen und gelikt, während ein tatsächlicher Austausch mit Außenstehenden auf der Plattform selbst kaum sichtbar ist. Ob sich Interessenten im Hintergrund melden, ob daraus Gespräche entstehen und vor allem, ob die richtigen Menschen erreicht werden, bleibt offen – und lässt sich von außen nicht beurteilen. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Nicht ob kommuniziert wird, sondern ob überhaupt sichtbar wird, dass Kommunikation stattfindet.

Unschärfe statt Profil

Ein zweiter Eindruck verstärkt dieses Problem. Viele Darstellungen bleiben im Ungefähren, im Andeutenden, im Symbolischen – ohne eine klare Aussage darüber, wofür eine Loge tatsächlich steht. Gerade in einem Umfeld, das ohnehin von Projektionen und Missverständnissen geprägt ist, führt diese Unbestimmtheit nicht zu Offenheit, sondern zu weiterer Verwirrung. Logen müssten hier sehr viel konkreter werden, Haltung zeigen und Profil entwickeln. Oder anders gesagt: Sie müssten sich trauen, erkennbar zu werden – auch auf die Gefahr hin, nicht jedem zu gefallen. Hindernis ist wahrscheinlich eher, dass die Profildiskussionen in vielen Logen nicht geführt werden und dass die für Social Median beauftragte Person damit keine Aufgabenbeschreibung hat und nach Belieben wirkt.

Die Galerie des Grauens

Diese Bilder stammen aus Facebook. Sowohl von öffentlichen Logenseiten, aus öffentlichen Gruppen für Freimaurer und Interessenten und privaten Gruppen, die aber nicht wirklich geschlossen sind. Die meisten Abbildungen finden sich in deutschen Gruppen, nur einzelne wurden öffentlichen internationalen Gruppen entnommen.

Wenn man davon ausgeht – und das entspricht meiner Erfahrung mit sehr vielen Interessenten –, dass interessierte Menschen sich umfänglich im Internet und in den Sozialen Medien über Freimaurerei informieren wollen, stoßen sie unweigerlich auf nachfolgendes Bildmaterial, das zwangsläufig ein gewisses Bild vom Thema vermittelt.

Besonders problematisch ist dabei weniger das einzelne Bild als das Gesamtbild, das sich aus vielen dieser Darstellungen ergibt. Dort begegnet man nicht selten Menschen mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein, deren Auftreten und Bildsprache eher missionarisch wirkt als suchend oder dialogbereit. Dieses Auftreten steht jedoch im deutlichen Widerspruch zu dem, was Freimaurerei ihrem Selbstverständnis nach sein sollte – denn missionarischer Eifer ist ihr eigentlich fremd. Gleichzeitig entsteht so das Bild einer Freimaurerei, die es in dieser Form gar nicht gibt – und die, offen gesagt, auch kaum wünschenswert wäre. Ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass sich ein großer Teil der humanitären Freimaurerei in dieser Darstellung nicht wiederfinden würde.

Zielgruppen – oder Wunschvorstellungen?

Ein häufig vorgetragenes Argument für verstärkte Social-Media-Aktivität ist die Hoffnung, insbesondere jüngere Menschen anzusprechen. Die Realität spricht eine andere Sprache. Interesse an Freimaurerei entsteht meist nicht in sehr jungen Jahren, sondern entwickelt sich mit wachsender Lebenserfahrung. Viele derjenigen, die sich ernsthaft mit solchen Fragen beschäftigen, nutzen Social Media entweder zurückhaltend oder sehr bewusst selektiv. Damit stellt sich die Frage, ob hier nicht mit erheblichem Aufwand an einer Zielgruppe vorbeikommuniziert wird – während diejenigen, die tatsächlich empfänglich wären, auf ganz anderen Wegen erreicht werden müssten.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Umgang mit Inhalten im weiteren Umfeld. Immer wieder finden sich Beiträge mit zweifelhaftem Hintergrund, esoterischen Überhöhungen, politischen Extremen oder zumindest deutlicher inhaltlicher Schieflage. Diese bleiben häufig unwidersprochen, werden mitunter sogar geteilt oder gelikt. Das mag im Einzelfall belanglos erscheinen, führt jedoch langfristig zu einer Verschiebung der Wahrnehmung. Denn das, was unwidersprochen stehen bleibt, prägt das Gesamtbild – nicht das, was intern vielleicht anders gemeint ist. Gerade hier wäre eine klare, sichtbare Haltung notwendig.

Bilder ohne Kontext

Freimaurerei arbeitet mit Symbolen – und genau deshalb ist der Umgang mit Bildern besonders sensibel. Umso erstaunlicher ist es, wie oft Bilder verwendet werden, die ohne Kontext kaum verständlich sind oder sogar missverständlich wirken: überhöhte Symbolik, düstere Inszenierungen, KI-generierte Bildwelten ohne erkennbaren Inhalt oder auch Darstellungen aus eingerichteten Tempeln. Gerade letzteres berührt einen zentralen Punkt. Arkandisziplin bedeutet nicht nur, bestimmte Inhalte nicht preiszugeben, sondern auch zu verstehen, welche Wirkung eine Darstellung außerhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs entfaltet. Was für den Eingeweihten selbstverständlich ist, kann für den Außenstehenden befremdlich oder irreführend wirken.

Freimaurerei lässt sich nicht „darstellen“

Ein grundlegender Gedanke bleibt dabei oft unberücksichtigt: Freimaurerei ist nicht in erster Linie etwas, das sich darstellen lässt. Sie lebt vom gemeinsamen Erleben, vom gemeinsamen Handeln und vom Gespräch. Wer versucht, sie in Bilder oder kurze Botschaften zu überführen, wird ihr zwangsläufig nicht gerecht. Das bedeutet nicht, dass man darüber nicht sprechen kann – wohl aber, dass jede Darstellung unvollständig bleiben muss. Gerade daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung im Umgang mit Öffentlichkeit. Social Media kann ein Werkzeug sein – aber kein Selbstzweck.

Es setzt Klarheit über das eigene Selbstverständnis voraus, die Fähigkeit zur Abgrenzung, einen bewussten Umgang mit Bildern und Mitglieder, die nicht nur überzeugt, sondern auch sprachfähig und diskussionsfest sind. Und es setzt die Bereitschaft voraus, sich nicht jeder Form von Darstellung anzuschließen, nur weil sie möglich ist.

Nicht jede Loge muss Social Media nutzen. Und nicht jede Form der Nutzung ist sinnvoll. Die Freimaurerei hat kein Problem mangelnder Sichtbarkeit. Sie hat ein Problem der Unschärfe. Mehr Präsenz allein wird dieses Problem nicht lösen. Ohne klare Linie wird sie es eher verstärken. Wer Freimaurerei öffentlich darstellt, prägt das Bild einer Gemeinschaft, die sich selbst nicht beliebig erklären kann – und gerade deshalb darauf angewiesen ist, mit Bedacht sichtbar zu werden.

Freimaurerei hat unterschiedlichste Facetten. Diese Plattform versucht, der Bandbreite gerecht zu werden. Die Beiträge stellen die Meinungen der Verfasser dar, nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Freimaurerei. Dies gilt ebenso für die Kommentare.

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Hallo Carlos, stimme Dir zu – sie hat ein Problem der Unschärfe – für was steht Freimaurerei heute und wie zeigt es sich – eindeutig werden – und das auch öffentlich. Angefangen in den jeweiligen Großlogen – Stellung beziehen – bis hin zur Loge vor Ort. Das Thema zieht sich seit Jahren, und letztendlich, ob nun alle sozialen und sonstigen Kanäle gezogen werden müssen, kann ja jede Loge vor Ort entscheiden. Leider ist bei vielen Brüdern aber auch das Ende der Freimaurerei gekommen, wenn wir uns öffnen – oder klar Stellung nehmen. Nur mit irgendwelchen Bildern, die niemand zuordnen kann von außen – oder allgemeinen Floskeln – werden wir Probleme bekommen, die richtigen Personen für den Bund zu bekommen – und die immer wieder kommenden Aussagen, dass wir ja an uns selbst arbeiten – und es bei der Aussage zu belassen, lockt auch die wenigsten. Hauptsache aber auch: Wir beginnen damit, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Lieber Carlos,

mich würde interessieren ob diese „Galerie des Grauens“ aus aktuellen Beiträgen von Logen der VGL stammen und in welchem Kontext diese veröffentlicht wurden? Ist eine Zuordnung möglich?

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