Sinnsuche in der Loge

Axel Schönhals

11. Januar 2026

© Dudarte / stock.adobe.com

Freimaurerlogen werden im weiteren als sinnsuchende Gemeinschaften in Daseinsfragen verstanden. Dabei versuchen ihre Mitglieder durch eine Optimierung ihres Selbst, bessere Menschen zu werden und, wenn diese es zulassen, auch aus Anderen bessere Menschen zu machen.

Seit über 300 Jahren sind in diese Bemühungen Männer, seit einiger Zeit auch Frauen, eingebunden, die ihre Zusammenschlüsse nach moralisch, ethischen Grundsätzen ausrichten. Ihre Ziele und ihre Motivation waren zwar immer dem Zeitgeist unterworfen, aber auch dem ursprünglichen Bedürfnis der Akteure, sich bei einer intensiven, persönlichen Sinnsuche systematisch und konsequent selbst reflektierend zu hinterfragen.

Der Begriff Ethik steht ganz allgemein für die Untersuchung moralischer Fragen, insbesondere ihrer Begründungen. Dieser Prozess bedeutet jedoch nicht, eigene moralische Überzeugungen zu propagieren. Die Moral umfasst die in einer Gesellschaft gültigen Normen, Werte, Regeln und Gebote. „Moralisches“ Handeln ist dabei das Handeln, das übereinstimmt mit den Gewohnheiten und Gebräuchen, die in dieser betrachteten Gesellschaft gelten.

Eine Besonderheit der freimaurerischen Vorgehensweise liegt in dem Ansatz, Ergebnisse in und mit der Gruppe zu teilen. Bemerkenswert ist dabei der Umstand, aus einer intensiv empfundenen Selbstbetrachtung in und mit der Gruppe Gleichgesinnter, ein gruppendynamisches Erleben mit einer Verstärkung der betrachteten Inhalte zu erfahren. Die Beteiligten erleben, dass inhaltlich organisierte Gemeinsamkeit gruppendynamischer Prozesse, auf dem Boden einer bewusst herbei geführten tieferen Sicht auf sich selbst und gemeinschaftlich praktizierter zwischenmenschlicher Aktionen mit systematisch organisierten Wiederholungen, zu einer tieferen Sicht auf uns und unsere Welt führen kann.

Die Vorgabe, sein Leben unter ein ethisches und moralisches Regelwerk zu stellen, ist kein Alleinstellungsmerkmal der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts und ebenfalls nicht der in dieser Zeit entwickelten masonischen Idee. Sie erscheint allerdings wie ein perfekt kombiniertes Konzept für die Bedürfnisse der Menschen der Epoche des achtzehnten Jahrhunderts vor den anstehenden, grundsätzlichen, gesellschaftlichen Umwälzungen.

Selbsterkenntnis, Ethik, Moral wirken wie drei Säulen, auf denen die nach Halt und Orientierung strebenden Menschen dieser Zeit Schutz suchten, die sich bald Herausforderungen stellen mussten, wie die Entwicklung einer Individualität nach erfolgter Selbsterkenntnis. Vorausgegangen war eine Befreiung von Fesseln der Unmündigkeit gegenüber Institutionen mit ihren absoluten, dogmatischen Ansprüchen.

Und heute?

Die Sinnsuche ist nach wie vor das fokussierte Ziel der Freimaurerei. Unverändert ist auch die Methodik des Vorgehens und geblieben ist ein moralisch, ethisches Regelwerk, abgestellt auf die Erfordernisse unserer Zeit. Die im Rahmen dieser Bedürfnisse entwickelte Individualität sieht sich in gleicher Weise einer gegensätzlichen, gesellschaftlichen Realität ausgesetzt, wie sie ausgeprägter nicht sein kann. Die Frage nach den Ergebnissen und Werten der stattgefundenen Aufklärung erfährt einen Bescheid, der kaum Erfolge aufweist und eine immerwährende Wiederholung nach Überarbeitung nahelegt. Allerdings erhält die Feststellung Lessings, dass Freimaurerei immer war und sein wird, eine nachhaltige Bestätigung. Es gibt die Hoffnung des Einzelnen, seine „Persona“ als Ergebnis einer authentischen Selbstfindung zu definieren.

Die Ausrichtung einer Wertegemeinschaft, wie die Logen es sind, schafft ein Klima des Miteinanders im Bemühen um eine bessere Welt. Die Sinnsuche mündet letztlich in eine Gewissheit über die Möglichkeiten des Selbst und des Gehalten-Werdens in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Der Wunsch, sich moralisch zu bilden und respektvoll miteinander umzugehen, ist universell. Moralphilosophie beschreibt Versuche, ein besserer Mensch zu werden. Kunst, Musik und Literatur helfen dabei. Sie haben im Deutschen das Wort „Herzensbildung“ gebräuchlich werden lassen. Echte Empathie schließt Fürsorge mit ein. Donald Trump mag die Leute verstehen. Aber er sorgt sich nicht um sie. Dem Mitgefühl sind dennoch Grenzen gesetzt. Man müsste die leidende Person sein, um sie wirklich zu verstehen. Wie kann man aufrichtig am Leiden anderer Anteil nehmen? Ein Rabbi erzählte von einer Frau mit einer Gehirnverletzung, die manchmal in seiner Synagoge zu Boden fiel. Die Menschen um sie herum beeilten sich, sie sofort wieder auf die Beine zu stellen. Es war ihnen unangenehm, eine Erwachsene auf dem Boden liegen zu sehen. Die Frau aber sagte: „Was ich wirklich brauche, ist jemand, der sich zu mir auf den Boden legt. Das ist für mich echtes Einfühlungsvermögen.“

Eigentlich langweilt Politik. Wir merken es jetzt, da wir in einem Wahljahr sind. Unsere Kultur ist überpolitisiert, während wir zunehmend untermoralisiert, unterspirituell und unterkultiviert sind. Wir verbringen zu viel Zeit damit, über unsere politischen Führer zu sprechen und über sie zu streiten, statt uns über Kultur, Soziologie, Psychologie, Beziehungen und moralische Bildung zu unterhalten. Dies alles wäre interessanter als Politik.
Die Idee Freimaurerei stellt im Ergebnis die Unterschiede in den Vordergrund, die sich Menschen durch Arbeit und Leistung im Rahmen der Optimierung ihrer individuellen, vorhandenen Möglichkeiten nach intensiver Erforschung ihres Selbst geschaffen haben (Arbeit am rauen Stein).

Darin besteht der elitäre Anspruch der Freimaurer in ihrer Form des Menschseins! Erkenne wer du bist! Finde heraus, was du kannst! Mache dich unverzagt daran, deine Erkenntnisse und dein Menschsein mittels deiner erkannten Möglichkeiten zu optimieren!

Bei dieser Art der Persönlichkeitsbildung bleibt die Freimaurerei nicht stehen. Der Weg zu den benannten Zielen erfordert nach ihren Vorgaben die Gemeinschaft der Brüder, jedoch weder zur Solidarisierung und Selbstbeweihräucherung noch zur Abkapselung und Idealisierung in elitären Zirkeln. Die Gemeinschaft der Loge bildet einen geschützten Raum, in dem Ideale und Ideen nicht nur vorgestellt und erörtert, sondern im Sinn einer Einübungs-Ethik auch praktiziert und gemeinschaftlich wiederholt erlebt werden können. Diese intime Form des Umgangs nach einem klaren Regelwerk (alte Pflichten), mit einer permanenten Infragestellung durch alle Beteiligten (unbequeme Mahner) intellektuell, wie auch emotional, stellt eine Besonderheit bei Initiationsgemeinschaften dar. Die vernunftgesteuerte Erforschung der Inhalte hat allerdings, um Missverständnissen vorzubeugen, zu keiner Zeit und in keiner Lehrart Geheimnisse zutage gefördert. Die Bewegung Freimaurerei hat das als geheimnisvoll empfundene Erleben durchaus gepflegt und genutzt. Mit der daraus entstandenen Vielzahl an Irrungen und Sackgassen, verstärkt durch die persönlichen Unzulänglichkeiten beteiligter Brüder (Menschen), führte und führt die humanistische Freimaurerei auch heute zähe Auseinandersetzungen, um sich eindeutig abzugrenzen.

Freimaurerische Esoterik in ihrer Sprache der Symbole verzichtet dabei auf eine Verbindlichkeit der Auslegung. Das Symbolverständnis ist innig mit dem Selbstverständnis des einzelnen Bruders Freimaurers und seiner persönlichen Ideenwelt verbunden. So wird das selbst gedeutete Symbol im geschützten Raum der Bauhütte erlebt und ausgelebt. In der Verstärkung des Erlebens aller kann es zu einem nur für den Einzelnen selbst sich erschließenden Geheimnis kommen. Wenn einem so etwas immer wieder widerfährt, kann sich eine Persönlichkeit formen, die zunehmend ein Gefühl für die königliche Kunst, die Freimaurerei sein kann, erwirbt. Die immer wieder vollzogenen Metamorphosen in der Freimaurerei führen zu einer Authentizität des Selbst des einzelnen Bruders, die die Grundlagen für eine Resilienz freimaurerischer Menschenbildung schaffen.

Resilienz wird als das Produkt komplexer und dynamischer Interaktionen innerhalb einer Person, sowie der Person und ihrer Umgebung verstanden. Es wird oft angenommen, dass es sich bei Resilienz um eine individuelle Eigenschaft handelt, doch die meisten Untersuchungsergebnisse zeigen, dass sie das Ergebnis der Fähigkeit des Einzelnen ist, mit seiner Umgebung und den Prozessen zu interagieren, die sein Wohlbefinden fördern.
Resiliente Personen haben gelernt, dass sie selbst es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen (sogenannte interne Kontrollüberzeugung). Sie vertrauen nicht auf Glück oder Zufall, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand und haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten, um ihr Leben zu meistern.

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